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Helfen Sie Ihren Kindern, weiter zu sehen als ihr äußeres Erscheinungsbild

“Ich denke, ich bin häßlich”, äußerte unser 12jähriger Sohn vor nicht allzu langer Zeit. Meine Frau und ich waren über diesen ehrlichen Ausspruch verblüfft. Von elterlicher Parteilichkeit einmal ganz abgesehen, gab es wirklich keine objektiven Gründe für Aarons Meinung. Natürlich bohrten wir nach, warum er so etwas dachte. Teils lag der Grund in der gängigen Grausamkeit von Kindern: Bemerkungen auf dem Spielplatz, Mädchen, die die Jungen neckten, und so weiter.”Manchmal schaue ich mich einfach im Spiegel an und finde mich häßlich”, meinte er.

Meine Frau und ich beratschlagten, wie wir am besten weiter mit Aaron und seiner Schwester Aubrey verfahren, die ihrer äußeren Erscheinung zuviel Wert beimißt und sich immer wieder mit anderen Mädchen vergleicht. Wir kamen zu dem Schluß, daß es kurzsichtig wäre, unseren Kindern einfach nur zu versichern, daß sie gut aussehen. Obwohl dies tatsächlich stimmte, lag das eigentliche Problem woanders. Kinder und insbesondere Teenager machen sich oft so viele Gedanken über ihr Äußeres, daß der Spiegel zum einzigen Wertmaßstab wird. Jede Unvollkommenheit nimmt gigantische Ausmaße an und wird oft geradezu wirklichkeitsfremd übertrieben. Das Fernsehen, Filme, die Werbung und Altersgenossen versuchen mit aller Gewalt, Kinder davon zu überzeugen, daß ein Junge wie Brad Pitt und ein Mädchen wie Jennifer Lopez auszusehen hat, wenn sie attraktiv und beliebt sein wollen. Zusätzlich zu diesem vorgefertigten Bild darüber, was schön oder nicht schön ist, verbreiten die Medien geradezu aufdringlich den Gedanken, daß Schönheit gleichbedeutend ist mit Glück.

Es ist schwierig, diesem Druck standzuhalten. Dazu ist Geduld und Beharrlichkeit erforderlich. Weder kluge Worte noch teure Einkäufe können die Minderwertigkeitsgefühle eines Kindes überwinden. Sie können jedoch Ihrem Kind helfen, weiter zu schauen als der Spiegel und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, das von unerreichbaren Schönheitsidealen unabhängig ist.

Wir möchten unseren Kindern verständlich machen, daß Schönheit viel mehr ist als eine formvollendete Figur, muskulöse Oberarme oder blaue Augen. Wir wollen in ihnen die Überzeugung wecken, daß Schönheit häufig das Ergebnis der inneren Haltung und der Wesensart eines Menschen ist. Gott hat David schließlich nicht aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes oder seiner körperlichen Eigenschaften zum König Israels auserwählt, sondern wegen seines Herzens. In der Bibel steht: “Denn nicht sieht der Herr auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an” (1. Samuel 16,7).

Wir trafen daher einige Vorkehrungen, um unseren Kindern zu helfen, eine vernünftige, biblische Einstellung zu ihrem äußeren Erscheinungsbild und ihrem Selbstwert zu finden.

Zunächst erkannten wir, daß wir unsere eigenen gefühlsmäßigen Haltungen auf diesem Gebiet überprüfen müssen. “Natürlich ist es leicht für sie. Sie hat nie ein Kind zur Welt gebracht”, stöhnte Mama eines Abends, als ein Mannequin im Fernsehen irgendein Fitneßprodukt anpries. Ihre eifersüchtige Bemerkung könnte leicht etwas Falsches darüber vermitteln, was für Mama wirklich wichtig ist. Wir mußten nach Möglichkeiten suchen, um gesunde Einstellungen zu vermitteln. Statt über die Folgen des Älterwerdens zu klagen, wenn meine Frau wieder ein graues Haar entdeckt, werde ich allmählich Meister in Bemerkungen wie: “Die intelligentesten Leute, die ich kenne, haben graue Haare.”

Zweitens halten wir unsere Kinder dazu an, herauszufinden, woher ihre Auffassungen stammen. Wir nehmen uns vor, bewußt vor unseren Kindern zu betonen, wie sehr wir es zu schätzen wissen, daß sie Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legen – saubere, gepflegte Kinder sind eine Gebetserhörung. Doch wir nehmen uns auch die Zeit, mit ihnen über Extreme zu sprechen. “Was wäre deiner Meinung nach ein Zeichen dafür, daß du zu sehr über dein Äußeres nachdenkst? Was würde darauf hinweisen, daß du dich nicht genug um dein Äußeres kümmerst?”

Wir benutzen beliebte Fernsehsendungen oder Filme als Ausgangspunkt, um unsere Kinder zu fragen, was in ihren Augen eine Person schön macht. Wir hatten Bedenken, als unsere 11jährige Tochter uns in den Ohren lag, damit wir ihr erlauben, eine Fernsehshow anzuschauen, die sich speziell an Teenager richtete. Schließlich trafen wir ein Abkommen: Sie durfte die Sendung nur anschauen, wenn einer von uns die Sendung mit ihr anschaute. Bei diesen Gelegenheiten stellen wir Fragen wie: “Warum gefällt dir der Schauspieler so sehr? Weil er gut aussieht oder aufgrund seiner Persönlichkeit oder weil er gut spielt?” (Übrigens beurteilen wir inzwischen Botschaften, die von den Medien über andere Themen vermittelt werden, auf die gleiche Weise).

Je größer unsere Kinder wurden, um so tiefgründiger wurden unsere Gespräche. Wir überlegen, woher wir unsere Maßstäbe für Schönheit bekommen und warum einige Dinge in unserer Kultur für schön gehalten werden, in anderen aber nicht.

Drittens bringen wir Aubrey und Aaron bei, daß Glück und Schönheit nicht unbedingt zusammengehören. (Denken Sie nur an das Leben und Sterben von Marilyn Monroe, River Phoenix und Karen Carpenter.) Wir sprechen über die biblischen Anweisungen zum Glück. Christen müssen nicht wie ein Modell in einer echten Levis oder in einer Werbung für ein Fitneßcenter aussehen, wir müssen aber auch nicht häßlich sein. Als Aaron neun Jahre alt war, wollte er eine andere Frisur (uns schien es wenigstens so). Wir erlaubten es ihm erst, als wir sicher waren, daß sein Wunsch daher rührte, daß er so gut wie möglich und nicht wie jemand anders aussehen wollte. Wir benutzten diese Gelegenheit (ebenso den Zeitpunkt, als unsere Tochter sich die Ohren stechen ließ), um über den Unterschied zwischen sich “schön fühlen” (äußere Veränderungen) und “schön sein” (inneres Wachstum) zu sprechen.

Schließlich äußern wir uns anerkennend über die Einzigartigkeit eines jeden Familienmitglieds. Allzuoft beschränken wir Komplimente auf Äußerlichkeiten. Wir treten dem entgegen, indem wir das Lachen unseres Sohnes loben – es ist so ansteckend und fröhlich! Wir bewundern die Fähigkeit unserer Tochter, schnell und leicht Freundschaften zu schließen. Wir loben die positiven Einstellungen unserer Kinder zum Leben, zur Schule und zu Menschen.

In Epheser 2,10 nennt der Apostel Paulus Christen das “Werk Gottes”. Das griechische Wort, das mit Werk übersetzt wurde, heißt poiema, ein Wort, das sich auf eindeutig kreative Kunstwerke bezieht. (In der Tat ist poiema die Wurzel für das Wort Poesie, zu Deutsch Dichtkunst.)

Unsere Kinder sind Gedichte Gottes; sie sind seine Kunstwerke, und das zeigt sich nicht nur daran, wie sie aussehen, sondern auch daran, wer sie sind.

Unsere Kinder scheinen jetzt sicherer darüber zu sein, wer sie sind und welchen Wert sie als Gottes Kinder haben als zu der Zeit, als Aaron uns erklärte, daß er sich häßlich vorkam. Wir haben die große Hoffnung, daß Aaron und Aubrey einmal Folgendes erkennen: ob ihnen die Person, die ihnen im Spiegel entgegen schaut, gefällt, hängt mehr von dem ab, was man nicht sieht, als von dem, was man sieht.

Bob Hofstetler

“Looking Beyond” aus “Focus On The Family”,Ó 2001 Focus On The Family, USA. Mit freundlicher Genehmigung.