Von Frau zu Frau – Selig sind die Barmherzigen

„Er versteht mich nicht!“, sagt sie voller Vorwurf in der Stimme. „Kein gutes Wort kommt von seinen Lippen. Vielmehr meckert er, kaum daß er nach Hause gekommen ist, an mir herum. Kommt aber jemand zu Besuch, wird er höflich, freundlich, ist hilfsbereit. Die Leute mögen ihn alle. Niemand weiß, wie er wirklich ist.“

Der Mann sitzt schweigend daneben. „Ich habe schon viel verkehrt gemacht“, gibt er zu. „Meine Kindheit war furchtbar. Ich weiß eigentlich nicht, wie Ehe geht. Auch wenn ich es manchmal schaffe, mich zusammenzunehmen, holt mich das Alte wieder ein. Meine Frau hat recht in dem, was sie sagt. Aber es schmerzt mich, wie sie bei den anderen über mich redet.“Langsam dringen wir zusammen weiter in ihre Geschichte, die vor der Ehe und die nach der Eheschließung, ein.

Ich spüre, wie Ablehnung auf der einen Seite und Unvermögen auf der anderen Seite zwei Menschen in tiefe Not gestürzt haben.

Da ist eine verletzte Frau, die über Jahre hinweg Unrecht erlitten hat und viel Verzweiflung in sich trägt. Auf der anderen Seite steht ein ungenügender Mann, der gerne liebevoller wäre und es einfach nicht schafft.

Schaue ich die Frau an, verstehe ich ihre Bitterkeit und möchte sagen: Sie hat recht, daß sie sich abgrenzt und begonnen hat, ihr eigenes Leben zu führen. Sie möchte nicht länger verletzt werden.

Blicke ich in das Gesicht des Mannes, sehe ich seine Sehnsucht, angenommen zu werden. Ich spüre sein Bemühen, sich zu ändern, und sehe seine Unfähigkeit. Hat er nicht ein Recht darauf, nach einer Kindheit voller Ablehnung verstanden zu werden? Beide haben recht.

Das Recht des einen wird zum Problem für den anderen.Hier will ich den obigen Satz zitieren: „Selig sind die Barmherzigen!“Barmherzigkeit heißt in diesem Fall nicht, daß die Frau die Attacken oder auch den Rückzug ihres Mannes immer geduldig hinnehmen oder gar rechtfertigen soll. Unrecht darf nicht Recht genannt werden, nur damit ein Ungerechter gerechtfertigt wird. Aber eines könnte geschehen: Daß diese Frau aufhört, ihr Leben in Verbitterung weiterzuführen, indem sie das innere Recht hochhält, daß ihr Mann versagt hat, und sie dafür gelitten hat und leidet.

Barmherzig werden heißt für die Frau ihre Vorwurfsrolle aufgeben und statt dessen: aktiv werden! Sich nicht einfach beleidigt zurückziehen, sondern handeln. Und das bedeutet mehr als sich aufregen, verzweifelt sein oder weinen. Handeln heißt: etwas tun, evtl. das, was man schon lange gesagt hat, ohne es auszuführen…

Unrecht leiden soll nicht dazu führen, sich mit Unrecht abzufinden, sondern an diesem Schlimmen nicht zugrunde zu gehen. Wir werden zur Barmherzigkeit aufgefordert, damit wir nicht in Verbitterung uns selbst zum Feind werden. Denn der Verbitterte vergiftet seine eigene Seele mit dem Gift, das ihm der andere eingeflößt hat.

Schaue ich den Mann an, begreife ich seine Verzweiflung. Er fühlt seine Frau als Auslöser, da sie ihn, wie schon in seiner Ursprungsfamilie erlebt, ablehnt. Würde sie ihn annehmen, könnte er sich vielleicht verändern! Ihre Ablehnung trifft ihn immer neu. Die Frau wird an ihm schuldig. Deshalb muß auch der Mann mit ihr Barmherzigkeit üben, weil Christus mit ihm barmherzig ist. Sein Ziel kann sein, so viel Einfühlung zu zeigen, wie ihm möglich ist. Wenn er versagt hat, muß er sich bewußt sein, daß Gott ihn deshalb noch lange nicht ablehnt. Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu… und fängt auch mit ihm täglich neu an, auch wenn seine Frau es nicht fertigbringt – und wenn er es nicht schafft, anders zu sein.

In einem Brief drückt es eine Frau so aus: „Mit der Hilfe meines Herrn habe ich die Kraft, immer wieder an der Beziehung zu meinem Mann zu arbeiten. Ich versuche, Stolz in mir zurückzuweisen, Beleidigungen nicht an mich heranzulassen. Aber vor allem will ich lernen, meinen Mund im richtigen Moment aufzutun und nicht um des lieben Friedens willen zu schweigen. Ohne Bitterkeit auf Dinge aufmerksam zu machen, die nicht geschluckt werden können, ist auch Liebe, weil man Hinweise gibt, wie es besser funktionieren könnte. Manchmal wollte ich schon aufgeben, wenn mein Mann wieder einmal in seine „Höhle gekrochen“ ist und weder Antwort noch irgendein Zeichen gab, daß er weitermachen wollte…“

Es gibt einen starken Widersacher, was Ehe angeht. Gegen ihn gilt es in erster Linie anzugehen. Jesus Christus ist gekommen, damit er die Streitereien in der Ehe, die Werke des Teufels, zerstöre. Wir dürfen mit einem wunderbaren Helfer rechnen, wenn es um Einheit in der Ehe geht:

Zum Nachdenken:

Barmherzigkeit heißt nicht: das Unrecht zum Recht erklären. Barmherzig sein meint: Die Not des anderen in seinem Unrecht heraushören – und es zudecken oder liebevoll aufdecken, aber auf keinen Fall bloßstellen.

Gebet:

Vater im Himmel, von mir selbst bin ich nicht fähig, barmherzig zu sein. Ich ziehe mich lieber zurück und bin beleidigt, wenn ich mich verletzt fühle. Oder ich raste aus. Öffne mir die Augen für die Not des anderen. Gib mir, wenn Unrecht geschieht, die richtigen Worte, um aufzudecken. Laß mich nicht aus Feigheit schweigen. Aber zeig mir auch ganz klar, wo du mir eine Chance gibst, eine Lektion in Barmherzigkeit einzuüben.

Merke:

Barmherzigkeit ist die Fähigkeit, sich einem Menschen zuzuwenden, dessen verletzte Seele so unwirsch Hilfe einklagt, daß man ihn eigentlich liegen lassen will.

Ruth Heil